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    Historisches zu den "Schwabenkindern"

      Der Ursprung der "Schwabengängerei" wird im 16.Jh vermutet, der erste Bericht über Kinderzüge aus Vorarlberg nach Ravensburg stammt aus dem Jahr 1625. Im 18. Jahrhundert entstanden durch neue Landaufteilungen und erbrechtliche Vorschriften große Landwirtschaftsbetriebe in Oberschwaben, die Bedarf an Arbeitskräften hatten. Die Kinder aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden wurden vor allem von den katholischen Gutsbesitzern, den evangelischen Saisonarbeitern und Kindern aus dem schwäbischen Unterland vorgezogen. Im 19.Jh kam durch die Einführung der Schulpflicht ein weiterer Grund hinzu, ausländische Kinder für einfache Arbeiten anzustellen, da die eigenen Kinder nicht mehr zur Verfügung standen. Dies führte zu einem gewaltigen Ansteigen der saisonalen Wanderbewegungen aus den österreichischen und schweizer Alpentälern. Bei den Kindermärkten in Ravensburg oder Kempten wurden zum Höhepunkt der Schwabengängerei bis zu 4.000 Kinder verkauft. Diese "Kindersklavenmärkte" wurden wiederholt als unmoralisch angeprangert. Dabei stand aber im Allgemeinen außer Zweifel, dass von dieser Praxis alle Beteiligten profitieren: Die Eltern der Schwabenkinder hatten ein und oft sogar mehrere hungrige Mäuler weniger zu versorgen, die Gemeinden und der Staat waren froh, dass sie Ihnen nicht zur Last fallen konnten, die Bauern in Oberschwaben erhielten billige Arbeitskräfte und viele der Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben genug zu essen.
      In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts etablierte sich, unterstützt von vielen Geistlichen, ein "Verein zum Wohle der auswandernden Schwabenkinder". Dieser organisierte die beschwerlichen Wanderungen über die Alpenpässe, sofern möglich auch Fahrten mit Eisenbahn und Pferdewagen. Darüber hinaus wurde darauf geachtet, dass die Kinder gut behandelt wurden und den vereinbarten Lohn erhielten.

      1903 wurde im Deutschen Reichstag ein Gesetzesentwurf zum Verbot von Kinderarbeit vorgelegt und in der damit einhergehenden Debatte wurde einer breiten Öffentlichkeit die Existenz der Kindermärkte bewusst. Vom Kinderschutzgesetz, das später in Kraft trat, waren aber ausdrücklich die Kinder ausgenommen, die in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt wurden.

      1908 wurde den Kindermärkten in Oberschwaben durch amerikanische Zeitungsberichte und deren mediales Echo in Deutschland kurze Zeit große Aufmerksamkeit in der öffentlichen Diskussion zuteil. Einen starken Rückgang der Schwabengängerei erreichte aber erst ein Abkommen zwischen der Republik Österreich und dem Land Baden Württemberg: 1921 wurde die allgemeine Schulpflicht auch für ausländische Kinder eingeführt. Damit fiel der wirtschaftliche Anreiz für die Bauern in Schwaben weg und die Kinderströme, die über Jahrhunderte hinweg Tradition hatten, versiegten praktisch von einem Jahr auf das andere. Einzelne Kinder verdingten sich allerdings noch bis in die Mitte der 50er Jahre bei reichen Bauern in Schwaben und im Allgäu.

      Quelle: Bereuter, Elmar. 2002. Die Schwabenkinder. Die Geschichte des Kaspanaze. München: Herbig Verlag.


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