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Richard Lipp über "die Not der Außerferner Schwabenkinder"


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    Die Außerferner Schwabenkinder: Zur Analyse eines Problems

      Die auf der Geierwally-Freilichtbühne in Elbigenalp aktuell und früher gespielten Theaterstücke über die "Schwabenkinder" setzen sich künstlerisch und kritisch mit diesem heute fast vergessenen Problem der Kinderwanderung auseinander. Der bekannte Außerferner Historiker Richard Lipp hat vor längerem eine historische Analyse über die "Außerferner Schwabenkinder" vorgelegt.

      Eine Analyse von Richard Lipp

      Dass die erwachsenen Außerferner Männer als Handwerker zum Broterwerb ins Ausland zogen, war eine wirtschaftliche Überlebensfrage. Tragisch wurde diese Wanderbewegung, als die Lebensbedingungen so schlecht wurden, dass selbst die Kinder zum Broterwerb ins Ausland mussten. Diese Kinderwanderung war kein spezifisches Außerferner Problem, sondern umfasste weite Teile des westlichen Tirols samt dem Vinschgau und große Vorarlberger Gebiete. Wenn auch die Probleme ähnlich sind, gab es im Außerfern besondere Ursachen.

      Außerfern - Armenhaus Tirols
      Etwa zwischen 1400 und 1600 verdreifachte sich die Außerferner Bevölkerung, während sie sich im selben Zeitraum im übrigen Tirol nur verdoppelte. Die im Außerfern herrschende Realteilung der Güter führte zu einer ständigen Zersplitterung des Besitzes. Der karge Boden konnte die Bevölkerung ohnehin nur zu einem Drittel ernähren, und das Außerfern war auf Getreideimport aus dem angrenzen Allgäu angewiesen. Jede Missernte führte zu einer Hungersnot und jeder Bewohner erlebte im Laufe seines Lebens ein bis zwei schwere Hungersnöte. Diese Ernährungssituation verbesserte sich etwas, als um 1780 auch die Kartoffel im Außerfern bekannt wurden. Doch die Gründe der Verarmung waren nicht nur im Außerfern, sondern auch außerhalb zu suchen. Die Situation im Außerfern war uneinheitlich. Entlang der Handelsstraße, der sogenannten Salzstraße, gab es Verdienstmöglichkeiten. Als 1824 die Arlbergstraße eröffnet wurde, gerieten auch diese Gebiete in ein wirtschaftliches Abseits und verarmten. Die wirtschaftliche Verarmung infolge Ausfalls des Salz- und sonstigen Handelsverkehrs machte das Außerfern buchstäblich zum Armenhaus Tirols.

      Ein Vulkanausbruch in Indonesien
      Doch die Probleme mussten nicht nur „hausgemacht“ sein, wie dieses Beispiel zeigen wird. Auch weltweite Ursachen machten sich im Außerfern bemerkbar. Ein Beispiel einer solchen weltweiten Katastrophe war der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien im Jahre 1815. Der Ausbruch, der auch 10.000 Menschenleben forderte, schleuderte 150 Kubikkilometer vulkanisches Material in die Luft, verstreute dieses auf einer Fläche von einer halben Million Quadratkilometer und ließ die Asche bis in 70 Kilometer Höhe gelangen. Der Himmel verfinsterte sich weltweit und führte auch in Europa zum „Jahr ohne Sommer“, das die großen Hungersnöte von 1816 und 1817 hervorrief. Damals stellte der Markt Reutte sogar eigene Kartoffelwächter an, um die Felder zu bewachen.

      Kinderreichtum mit kirchlichem Segen
      Das starre Ablehnen der Kirche jeder Art der Familienplanung außerhalb der Enthaltsamkeit führte zu einem Kinderreichtum: Von einem „Kindersegen“ zu sprechen, wäre wohl ein Hohn. Jede Art der Familienplanung wurde mit „schwerer Sünde“ und der Androhung des Höllenfeuers unter Strafe gestellt. Auf der anderen Seite konnten fromme Bibelsprüche wie jener von den „Lilien des Feldes“ oder der von den „Spatzen des Himmels“, die der „himmlische Vater“ ernährt, die Außerferner Familien nicht satt machen. Eine Unterernährung der Kinder, die bei den anstrengenden Wanderzügen und der harten Arbeit im Ausland nicht selten tödlich endete, musste die zwangsläufige Folge sein. Kamen hier noch familiäre Probleme, wie der Alkoholismus des Vaters oder der Tod eines Elternteiles hinzu, so wurde die Lage beinahe aussichtslos.

      Kirche bot keine Lösung des Problems
      Die Kinderwanderung wurde vielfach zur Überlebensfrage. Dabei stand die Notwendigkeit, einen zusätzlichen Esser vom heimatlichen Herd für ein halbes Jahr entfernt zu haben noch vor der Aussicht auf den geringen Verdienst, den die Kinder heimbrachten.
      Es gab zur „Hochblüte“ der Kinderwanderung in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nicht einmal die Ansätze einer Lösung. Als die offizielle Amtskirche erst 1832 dieses Problem reichlich spät registrierte, unternahm sie nichts, um die soziale Frage zu lösen. Ihr lag nicht die materielle Not, sondern ausschließlich die Sorge um die moralische und religiöse Bildung der Kinder an. Auf eine einfache Formel gebracht: Die Kirche interessierte nicht Hunger und Heimweh der Kinder, sondern ihr Mangel an religiöser Ausbildung. Das Schlimmste, was - nach Meinung der damaligen Kirche! - passieren konnte, war der Abfall vom katholischen Glauben, der Übertritt zum Protestantismus und das damit verbundene Höllenfeuer. Mit einer Anschauung ohne jeden sozialen Aspekt stand die Kirche nicht allein. Auch die reichen Lechtaler Handelsleute machten viel lieber reiche Stiftungen an Kirchen und bemalten ihre Häuser, zeigten sich aber gegenüber der sozialen Problematik ziemlich unbeeindruckt. Die ins Ausland ziehenden Handwerker hatten ihre Zünfte, und sie waren außerdem begehrte Fachleute. Bei den Kindern handelte es sich aber um arme, wehrlose Geschöpfe, die sich nicht zur Wehr setzen konnten und leicht und leider allzu oft ausgebeutet wurden.

      Schweizer Käse schafft Arbeit
      Bei all dieser Problematik musste man geradezu noch von einem Glücksfall sprechen, dass das benachbarte „Schwabenland“ billige Arbeitskräfte in großen Mengen suchte. Der Grund dafür war in den neuen Bewirtschaftungsmethoden, die vor allem im angrenzenden Allgäu Platz griffen, zu suchen. Ab 1827 löste die Produktion des Schweizer Käses, vor allem des Emmentalers, die traditionelle Anbauwirtschaft mit Getreide ab. Gab es früher geschlossene Dörfer und die Dreifelderwirtschaft, die bedeutend weniger Dienstboten benötigten, folgte speziell im Allgäu die Vereinödung durch Aussiedelung der Bauernhöfe in das freie Feld. Man versprach sich von einem Hof, der mitten im Grünen lag, eine bessere Ertragslage und Arbeitsersparnis. Die Käsewirtschaft an Stelle des Getreideanbaus erforderte mehr Kühe und mit ihnen mehr Hüterkinder.

      Das „Schwabenland“ der Außerferner
      Als Schwaben oder Schwabenland wurde grob so ziemlich alles umrissen, was sich zwischen Lech und Rhein ausbreitete. Auch die in rein bayerisches Gebiet ziehenden Kinder aus Ehrwald bezeichnete man als „Schwabenkinder“. So ist dieser Begriff, was die räumliche Tätigkeit anbelangt, ziemlich ungenau. Schon aus der geographischen Lage des Außerferns versteht es sich, dass sich die Arbeitsgebiete der Außerferner Schwabenkinder im Allgäu und in Oberbayern befanden. Hier unterscheidet sich das Außerfern doch wesentlich von anderen Gebieten Tirols. Nachdem Kinder aus Innertirol oder Vorarlberg in eine ungewisse Ferne zogen, hatten viele Außerferner Kinder, bedingt durch die räumliche Nähe, schon vielfach fixe Arbeitsplätze. Sie mussten nicht unbedingt auf einem „Kindermarkt“ warten, ob sie angeheuert würden, sondern gingen zielbewusst, oft vom Vater begleitet, zu ihrem Arbeitsplatz. War ein Kind dem Schwabenkinderalter entwachsen, so nahmen solche Arbeitsplätze wieder Verwandte oder Bekannte ein.

      Christlichsoziale Idee half
      Es waren niedere Geistliche, denen das Verdienst zugesprochen werden muss, auch die soziale Seite dieser Kinderwanderung begriffen und dementsprechend gehandelt zu haben. Als deren Höhepunkt bereits überschritten war, wurde 1890 im Stanzertal der sogenannte „Hüterkinderverein“ von katholischen Geistlichen gegründet. Es war dies die Zeit des Erwachens der christlichsozialen Bewegung, die den starren, um nicht zu sagen sturen Konservativismus, der rein auf die Einhaltung religiöser Formen abzielte, aufweichte. Dieser „Hüterkinderverein“, der vornehmlich im Inntal tätig war, betreute fallweise auch Außerferner Kinder.


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